Auszug aus: Régine Pernoud: Die Kreuzzüge in Augenzeugenberichten, Düsseldorf 1965, S. 97-102.

 

Am 7. Juni 1099 langten die Kreuzfahrer endlich vor Jerusalem an. Drei Jahre vorher hatten sie sich auf den Weg gemacht.

Anonym: Und wir, vor Freude frohlockend, kamen bis zur Stadt Jerusalem am Dienstag, acht Tage vor den Iden des Juni (am 7. Juni), und wir belagerten sie bewunderungswürdig. Robert von der Normandie belagerte sie auf der Nordseite bei der Kirche des ersten Märtyrers, des heiligen Stephan, an dem Ort, wo er um des Namens Christi willen gesteinigt wurde; hinter ihm befand sich Robert, der Graf von Flandern. Im Westen waren es die Herzöge Gottfried und Tankred, die Jerusalem belagerten. Der Graf von Saint-Gilles belagerte es im Süden, auf dem Berge Zion bei der Kirche Sainte-Marie, der Mutter Gottes, wo der Herr mit Seinen Jüngern das Abendmahl feierte.

Raimund Pilet und Raimund von Turenne, die zu kämpfen begehrten, lösten sich am dritten Tag von dem Heer. Sie trafen auf zweihundert Araber, und die Ritter Christi kämpften gegen diese Ungläubigen. Mit Gottes Hilfe gewannen sie die Oberhand, töteten viele und erbeuteten dreißig Pferde.

Wilhelm von Tyrus: Das Heer litt jedoch schrecklich unter dem Durst. Ich sagte schon, daß die Umgebung von Jerusalem dürr und wasserarm ist und man nur in ziemlich großer Entfernung ein paar Bäche, Quellen oder Brunnen findet, die Wasser enthalten. Selbst diese Quellen waren kurz vor der Ankunft unserer Truppen von den Feinden zugeschüttet worden, damit sie weniger lange ausreichten bei der Belagerung der Festung. Sie hatten Erde hineingeworfen oder sie durch verschiedene andere Mittel verstopft; sie hatten auch die Zisternen geöffnet und die anderen Behälter von Regenwasser, die es durch dieses Verfahren nicht mehr zurückhalten konnten, oder hatten sie auch boshaft verborgen, damit die von Durst gequälten armen Unglücklichen nicht kommen konnten, dort Linderung zu suchen. Die Einwohner von Bethlehem und die Gläubigen, die in Thecua, der Stadt der Propheten, wohnten, kamen oft zum Heer und führten dann die Kreuzfahrer zu den Brunnen, die sich vier oder fünf Meilen von ihrem Lager befanden. Dort ergaben sich neue Schwierigkeiten; die Ankommenden stießen einander und verdrängten sich gegenseitig, um Wasser zu schöpfen; oft kam es sogar zu lebhaftem Streit, und erst nach langen Verzögerungen füllten sie endlich die Schläuche mit einem ganz schlammigen Wasser, das sie darauf sehr teuer verkauften, es jedoch in so kleinen Mengen verteilten, daß ein durstiger Mensch davon kaum genug bekam, um dem ersten Bedarf zu genügen.

Die brennende Hitze des Monats Juni vermehrte noch die Plage des Durstes und machte für jeden diesen beständigen Erstickungszustand noch quälender, selbst wenn man gar nicht sprechen will von dem Übermaß an Arbeit und dem vielen Staub, die unaufhörlich Gaumen und Brust austrockneten. Die Kreuzfahrer verließen heimlich das Lager und schwärmten aus in die Umgebung, um sorgfältigst auf allen Seiten Wasser zu suchen; sie gingen in kleinen Abteilungen, und in dem Augenblick, da sie glaubten, ein verborgenes Rinnsal gefunden zu haben, sahen sie sich sofort umringt von einer Menge von Leuten, die mit derselben Suche beschäftigt waren. Manchmal, wenn sie eine Quelle entdeckt hatten, entstanden heftige Streitigkeiten; sie suchten einander zurückzustoßen, und oft kam es zu einem Handgemenge.

Anonym: Am Montag (den I3. Juni) griffen wir die Stadt kräftig und mit solcher Begeisterung an, daß sie in unsere Hände gefallen wäre, wenn die Leitern bereit gewesen wären. Wir zerstörten jedoch die kleine Mauer und legten eine Leiter an die Hauptmauer; unsere Ritter stiegen hinauf und trafen die Sarazenen und Verteidiger der Stadt aus der Nähe mit Schwerthieben und Lanzen. Viele der Unsrigen, aber noch mehr von den ihrigen, fanden dort den Tod. Zehn Tage lang, bis zur Ankunft eines Boten von unseren Schiffen, konnten wir während dieser Belagerung kein Brot kaufen und erlitten so brennenden Durst, daß wir, auch unter den größten Schrecken, bis zu sechs Meilen zurücklegten, um unsere Pferde und anderen Tiere zu tränken. Der Brunnen von Siloa am Fuß des Berges Zion erquickte uns, aber das Wasser wurde viel zu teuer verkauft.

Nach der Ankunft des Boten von unseren Schiffen hielten unsere edlen Herren Rat und beschlossen, Ritter loszuschicken, um die Männer und die Schiffe im Hafen von Jaffa getreulich zu bewachen. Bei Tagesanbruch setzten sich hundert Ritter von dem Heer Raimunds, des Grafen von Saint-Gilles, ab, darunter Raimund Pilet, Achard von Montmerle und Wilhelm von Sabran, und ritten voller Zuversicht zu dem Hafen. Dann trennten sich dreißig unserer Ritter von den anderen und trafen auf siebenhundert Araber, Türken und Sarazenen vom Heer des Admirals. Die Ritter griffen sie kräftig an, aber die Überlegenheit über die Unsrigen war derart, daß die Ungläubigen sie von allen Seiten umzingelten und Achard de Montmerle sowie arme Fußkämpfer töteten.

Die Unsrigen waren schon eingekreist und machten sich auf den Tod gefaßt, als ein Bote Raimund Pilet erreichte und ihm sagte: »Was tust du mit diesen Rittern? Die Unsrigen sind handgemein mit Arabern, Türken und Sarazenen; vielleicht werden sie in dieser Stunde getötet; helft ihnen, helft ihnen doch!« Auf diese Nachricht beeilte sich Raimund, zu ihnen zu reiten und gelangte in Eile zu den Unsrigen, immerfort kämpfend. Als das heidnische Volk die Ritter Christi erblickte, teilte es sich und bildete zwei Kolonnen. Aber nachdem die Unsrigen den Namen Christi angerufen hatten, ritten sie mit solcher Wucht einen Angriff auf die Ungläubigen, daß jeder Ritter seinen Feind niederschlug. Als sie begriffen, daß sie vor der Tapferkeit der Franken nicht würden standhalten können, kehrten uns die Heiden, von großem Schrecken ergriffen, den Rücken. Die Unsrigen verfolgten sie ungefähr vier Meilen weit, töteten viele, nahmen einen gefangen, um Auskünfte von ihm zu erhalten, und fingen dreihundert Pferde.

Während dieser Belagerung erlitten wir die Qual des Durstes in solchem Maße, daß wir Rinder- und Büffelhäute zusammennähten, in denen wir Wasser sechs Meilen weit herbeiholten. Das Wasser, das uns derartige Behälter lieferten, war stinkend, und ebenso wie dieses faulige Wasser war das Gerstenbrot für uns ein täglicher Anlaß zu Unbehagen und Betrübnis. Die Sarazenen nämlich stellten den Unsrigen heimlich Fallen, indem sie die Brunnen und Quellen verpesteten; sie töteten alle, die sie fanden, und versteckten deren Tiere in Höhlen und Grotten.

Unsere edlen Herren sannen nun auf Mittel, die Stadt mit Hilfe von Maschinen anzugreifen, um in sie eindringen und das Grab unseres Erlösers verehren zu können. Man baute zwei hölzerne Burgen und nicht wenig andere Maschinen. Der Herzog Gottfried stellte einen mit Maschinen bewehrten Turm her und der Graf Raimund tat desgleichen. Aus fernen Gegenden ließen sie Holz herbeischaffen. Als die Sarazenen die Unsrigen diese Maschinen bauen sahen, befestigten sie die Stadt bewundernswert und verstärkten die Wehren der Türme!

 Als unsere edlen Herren die schwächste Seite der Stadt erkundet hatten, ließen sie in der Nacht des Sonnabends (vom 9. zum Sonntag, den 10. Juli) unsere Maschine und einen hölzernen Turm dorthin schaffen; das war im Osten. (Die östliche Mauer war bis dahin noch nicht belagert worden. Der rollende Turm wurde zwischen die Kircbe des heiligen Stephan und das Kedrontal transportiert.) Sie stellten sie bei Tagesanbruch auf, dann bereiteten und rüsteten sie den Turm den Sonntag, Montag und Dienstag. Im Südabschnitt ließ der Graf von Saint-Gilles seine Maschine ausbessern. Zu dieser Zeit litten wir dermaßen an Durst, daß ein Mann für einen Denar nicht Wasser in genügender Menge bekommen konnte, um seinen Durst zu löschen.

Am Mittwoch und Donnerstag griffen wir die Stadt von allen Seiten stark an. Aber bevor wir sie im Sturm nahmen, ließen die Bischöfe und Priester durch ihre Predigten und Ermahnungen den Beschluß fassen, daß man zu Ehren Gottes einen Bittgang um die Wälle von Jerusalem machen wolle und daß er begleitet würde von Gebeten, Almosen und Fasten.

Am Freitag ganz früh unternahmen wir einen allgemeinen Sturm auf die Stadt, ohne ihr schaden zu können; wir waren bestürzt und in großer Furcht. Als dann die Stunde kam, in der Unser Herr Jesus Christus es zuließ, daß Er für uns den Kreuzestod erlitt, schlugen sich hitzig unsere auf dem Turm aufgestellten Ritter, unter anderen Herzog Gottfried und Graf Eustachius, sein Bruder. In diesem Augenblick erkletterte einer unserer Ritter mit Namen Lietaud die Stadtmauer. Bald nachdem er hinaufgestiegen war, flohen alle Verteidiger von den Mauern durch die Stadt, und die Unsrigen folgten ihnen und trieben sie vor sich her, sie tötend und niedersäbelnd, bis zum Tempel Salomons, wo es ein solches Blutbad gab, daß die Unsrigen bis zu den Knöcheln im Blut wateten.

Auf seiner Seite führte der Graf Raimund, der im Süden stand, den hölzernen Turm und sein Heer bis an die Stadtmauer heran. Aber zwischen dem Turm und der Mauer lag ein Graben, und man ließ ausrufen, jeder, der drei Steine in den Graben trüge, solle einen Denar erhalten. Um ihn anzufüllen, brauchte es drei Tage und drei Nächte. Endlich war der Graben voll, man führte den Turm gegen die Mauer. Die Verteidiger im Innern schlugen sich kräftig mit den Unsrigen, wobei sie (griechisches) Feuer und Steine verwendeten. Als der Graf erfuhr, daß die Franken in der Stadt waren, sagte er zu seinen Leuten: »Was zögert ihr? Seht, alle Franzosen sind schon in der Stadt!«

Der Admiral, der den Turm des David befehligte, ergab sich dem Grafen und öffnete ihm das Tor, an dem die Pilger den Tribut zu bezahlen pflegten (das Jaffa-Tor). In die Stadt eingedrungen, verfolgten unsere Pilger die Sarazenen bis zum Tempel des Salomo, wo sie sich gesammelt hatten und wo sie während des ganzen Tages den Unsrigen den wütendsten Kampf lieferten, so daß der ganze Tempel von ihrem Blut überrieselt war. Nachdem die Unsrigen die Heiden endlich zu Boden geschlagen hatten, ergriffen sie im Tempel eine große Zahl Männer und Frauen und töteten oder ließen leben, wie es ihnen gut schien. Bald durcheilten die Kreuzfahrer die ganze Stadt und rafften Gold, Silber, Pferde und Maulesel an sich; sie plünderten die Häuser, die mit Reichtümern überfüllt waren.

Dann, glücklich und vor Freude weinend, gingen die Unsrigen hin, um das Grab Unseres Erlösers zu verehren, und entledigten sich Ihm gegenüber ihrer Dankesschuld. Am folgenden Tag erkletterten die Unsrigen das Dach des Tempels, griffen die Sarazenen, Männer und Frauen, an, zogen das Schwert und schlugen ihnen die Köpfe ab. Einige stürzten sich von der Höhe des Tempels hinab. Bei diesem Anblick wurde Tankred von Entrüstung erfüllt.

Die Unsrigen beschlossen im Rat, jeder solle Almosen spenden und beten, damit Gott denjenigen wähle, von dem Er wünschte, daß er über die anderen herrsche und die Stadt verwalte. Man befahl auch, alle toten Sarazenen aus der Stadt zu werfen, wegen des unsäglichen Gestanks, denn die ganze Stadt war völlig mit ihren Leichnamen angefüllt. Die lebenden Sarazenen schleppten die Toten aus der Stadt und machten daraus häuserhohe Haufen. Niemand hat jemals von einem ähnlichen Blutbad unter dem heidnischen Volk gehört oder es gesehen. Scheiterhaufen gab es wie Ecksteine, und niemand außer Gott kennt ihre Zahl.

So wurde am Freitag, dem 15. Juli 1099, die Heilige Stadt der christlichen Welt erstiirmt oder vielmehr den Sarazenen, der Heldenlieder wieder entrissen; ein Sieg, getrübt von dem sdietßlichen Blutbad, durch das er befleckt wurde.

Man konnte nicht ohne Entsetzen diese Menge von Toten Sehen (schreibt Wilhelm von Tyrus), und der Anblick der Sieger, die von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt waren, war nicht minder entsetzlich.