Richard Löwenherz als Gefangener von Heinrich VI.

Der zeitgenössische englische Geschichtsschreiber und Mönch Ralph of Coggeshall schildert die Gefangennahme Richards in seinem Werk „Chronicon Anglicanum”



Der Herzog [Leopold V. von Österreich] lieferte den König an Kaiser Heinrich aus. Der ließ ihn zuerst in Trier, dann in Worms von den tapfersten deutschen Rittern und Knappen bewachen. Das Schwert an der Seite, begleiteten sie ihn Tag und Nacht auf Schritt und Tritt, hielten an seinem Bett Wache und ließen keinen seiner Leute bei ihm übernachten. All das konnte indes niemals die fröhliche Miene des erlauchten Fürsten verdüstern, immer war sein Wort heiter und witzig, seine Tat kühn und verwegen, wie es eben die Zeit, der Ort, der Anlaß oder die Persönlichkeit, um die es sich gerade handelte, mit sich brachten. (...)

Der Kaiser verharrte noch längere Zeit in seinem Zorn gegen den König, wollte ihn nicht zu sich rufen lassen und beklagte sich darüber, dieser habe sich gegen ihn und die Seinen mehrfach schwer vergangen. Endlich gelang es den Freunden beider Parteien, vor allem den Bemühungen des Abtes von Cluny und des Königs Kanzler, eine Vermittlung herbeizuführen. Der Kaiser ließ in Gegenwart seiner Bischöfe, Herzöge und Grafen den König rufen und klagte ihn diesen verschiedener Vergehen an.

Zunächst warf er ihm vor, er, der Kaiser, habe durch des Königs Ränke und Mithilfe Sizilien, das ihm als Erbe gehöre, verloren und habe für dessen Eroberung mit ungeheuren Kosten ein riesiges Heer aufstellen müssen, obwohl ihn König Richard zuvor seines Beistandes gegen Tankred versichert habe. Dann erhob Kaiser Heinrich Klage wegen des Königs von Zypern, mit dem er verwandt sei. Richard habe ihn zu Unrecht abgesetzt und eingekerkert, sei mit Gewalt in dessen Land und Schätze eingebrochen und habe die Insel an einen Freund verkauft (...)

Zum Schluß führte der Kaiser noch an, Richard habe das Banner des Herzogs Leopold von Österreich, eines Vetters von ihm, um den Kaiser selbst zu beleidigen, bei Akko in eine Kloake werfen lassen und überall im Heiligen Land seine Deutschen mit Wort und Tat gekränkt.



Aus: Lesebuch zur deutschen Geschichte. Herausgegeben und bearbeitet von Bernhard Pollmann. Dortmund 1989.